Die Fiesteler Straße: Ein Weg durch ein Jahrtausend Hollager Siedlungsgeschichte

Das Luftfoto von 1961 zeigt das Hollager Dorf mit Kirche, Schule und auch den 1965 abgebrannten Hof Wulftange. In der oberen linken Bildhälfte durchzieht die Fiesteler Straße den noch unbebauten Remmen-Esch.

Man ist seit Jahren und Jahrzehnten mit ihnen vertraut. Wenn man sich aber einmal näher mit ihnen auseinandersetzt, dann haben sie oft Interessantes aus der Geschichte der Gemeinde Wallenhorst zu erzählen: die Straßennamen.

Neue Wohnbaugebiete in Hollage rücken eine Straße in den Blickpunkt: Die Fiesteler Straße. Sie hat in 1.000 Jahren wie kein anderer Weg alle Siedlungsperioden dieses Ortes erlebt.

Der Ort Hollage bildete sich nach heutiger Erkenntnis im elften und zwölften Jahrhundert vor allem aus den Bauernschaften Hollage und Fiestel. Letztere lag nördlich des Hollager Berges und bestand aus den Vollerbenhöfen Bergmann, Remme zu Fiestel, Witte und Wulftange sowie dem Erbkötter Schlüter. Es gibt Hinweise darauf, dass auch der Erbkötter Brankamp seinen Ursprung in Fiestel hatte. Die Bezeichnung dieser Bauernschaft hatte im Laufe der Jahrhunderte wechselnde Schreibweisen von, unter anderem Visle, Vystell und Pfiestel.

Der Remmen-Esch als älteste Ackerflur der Fiesteler Höfe befand sich östlich von ihnen. Von den Höfen, die ursprünglich zwischen Fürstenauer Weg und der jetzigen Egbersstraße die Urbesiedlung von Visle bildeten, erreichte man die Ackerflur des Remmen-Esch über den Weg, der heute als Fiesteler Straße bekannt ist. Die Landvermessung des hannoverschen Hauptmanns Johann Wilhelm Du Plat von 1784 bis 1790 dokumentiert, dass der Remmen-Esch damals an der heutigen Ziegeleistraße endete, hier begann die gemeine Mark. Dabei handelte es sich um frei verfügbaren Boden, dessen gemeinsame Nutzung genossenschaftlich geregelt war. Die Mark wurde in der Zeit ab dem 13. Jahrhundert durch Erbkötter besiedelt, später wurden in der freien Mark Markkötterstellen vergeben.

Der Weg von den Fiesteler Höfen durch die Ackerflur Richtung Osten war aber mehr als nur der Weg zu den Feldern. Seine West-Ost -Ausrichtung führte ihn geradewegs zum Mittelpunkt des Kirchspiels Wallenhorst, der Alten Alexanderkirche. Jahrhunderte lang war er der Kirchweg der Pfiesteler. Heute trägt der Fiesteler Kirchweg im östlichsten Teilstück den Namen Waldstraße.

Die Bauernschaft Fiestel wurde erstmals 1182 urkundlich erwähnt. Wichmannus der Visle, ein Gefolgsmann des Bischofs, ist der älteste urkundlich nachgewiesene Fiesteler. Die Ackerflur des Remmen-Esch und des westlich gelegenen jüngeren Klee-Esch war für Wichmannus de Visle und seine Vorfahren die Lebensgrundlage, ebenso die angrenzende freie Mark, die gemeinschaftlich als Viehweide, Jagdrevier und Holzreservoir genutzt wurde.

In der freien Mark am Kirchweg der Pfiesteler erhielt nach Ende des 30-jährigen Krieges ein von einem Hof abgehender Sohn eine Siedlerstelle mit einer zugeordneten Ackerfläche. Die Siedlerstelle lag offenbar im Bereich eines Gehölzes, eines Hagen. Der Markkötter Henrich im Hagen erhielt seinen Namen aus der Bezeichnung des Ortes, in dem er siedelte, so wie in früheren Jahrhunderten viele Familiennamen aus Ortsbezeichnungen entstanden. An der alten Ackerflur wurde er ebenso wenig wie die übrigen Markkötter beteiligt, diese blieb bei den alten Vollerbenhöfen.

Ein Vorläufer der Siedlungen unserer Zeit waren die Neubauern des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende. Diese siedelten sich insbesondere dort an, wo Höfe aufgeteilt verkauft wurden. Ende des 19. Jahrhunderts waren dies der größte Fiesteler Hof Witte und der Vollerbenhof Remme zu Fiestel, die in reduzierter Größe von den Erwerbern Hellmich und Meyer zu Bergsten weitergeführt wurden. Dies war die Gelegenheit zur Existenzgründung einiger Neubauern, unter anderem Burlage, Wirt Strößner und G. Langemeyer.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte der Fiesteler Kirchweg auch ein Stück Industrialisierung mit. Ab 1913 kreuzte ihn mehrfach täglich die Feldbahn, mit der Ton aus der Abbaugrube im Poller zur Ziegelei transportiert wurde. Bis 1920 zogen Pferde die Bahn, da die Hollager Gemeindeversammlung und Vorsteher Kolon Gerhard Kollenberg nur dem Transport mittels Hand- und Pferdekräften zustimmten. Erst 1920 wurde die Dampfkraft erlaubt. Allerdings hatte die Bahn an Viehtriften nach wie vor zu halten, um ein Scheuwerden des Viehs zu vermeiden.

Ende des 19. Jahrhunderts büßte der Fiesteler Kirchweg zugunsten der Hollager Straße an Bedeutung ein.Erst die Siedlungstätigkeit in den 70-er und 80-er Jahren sowie im neuen Jahrhundert die Baugebiete „Hof Im Hagen” und das zurzeit vor der Erschließung stehende Gebiet „Sandkamp” rücken die Fiesteler Straße wieder stärker in den Mittelpunkt. Sie dokumentiert damit alle Perioden der Siedlungstätigkeit von der Erstbesiedlung in „Visle” über einen Urhof bis hin zur Neubautätigkeit unserer Zeit. Die Straßen „Hof Im Hagen” und „In der Mark” im Neubaugebiet, in dem einige Familien ihr neu erstelltes Eigenheim bereits bezogen haben, erinnern an diese Entwicklung.

Franz-Joseph Hawighorst

Quelle: Bürger-Echo 1.9.2004