Die Gefahr ist fast gebannt

Gestern Morgen brachen auch die östlichen Hasewälle

Wallenhorst. Die Gefahr ist fast gebannt. Die Lage hat man „im Griff“, aber immer noch sind eilige Telefongespräche, kurze Absprachen und genaue Koordination der Arbeiten erforderlich. Auch die nervliche Anspannung will nicht von den übernächtigten Gesichtern der Verantwortlichen weichen, obwohl alles betont ruhig und sachlich zugeht. So stellte sich die Situation gestern Mittag an der Unglücksstelle in Hollage dar, wo in der Nacht zum Freitag der Damm des Stichkanals unter dem Druck der Hasefluten barst. Gestern wurde das Ausmaß dieser durch die schweren Regent alle der letzten Tage verursachten Katastrophe annähernd erkennbar: auch die östlichen Haseleitwälle, die nach dem Dammbruch am Kanal zunächst noch standgehalten hatten, gaben gestern Morgen gegen sechs Uhr nach. Sie brachen etwa parallel zu dem in die Kanalbegrenzung gerissenen Loch.

„Schöner Schweinkram“,faßte Dietrich Harries, Amtsvorsteher des Wasser- und Schifffahrtsamtes Minden, das für den Stichkanal Osnabrück ‚ verantwortlich ist, die Lage zusammen, als sich^ der Betriebsdirektor des Osnabrücker Hafens, Bernd Beyer, und Dr. Friedel Baurichter von den Osnabrücker Stadtwerken, zu denen auch der Hafen gehört, an Ort und Stelle über das Ausmaß des Unglücks und seine Folgen erkundigten.

Harries, der seit Freitagabend, 19 Uhr, im Einsatz war, meinte achselzuckend:
„So können wir nicht viel machen, die Strömung des aus Hase und Haseauen ablaufenden Wassers ist noch zu stark.“ Er schätzte, dass man am Wochenbeginn mit den Reparaturarbeiten beginnen könne. „Wenn der Damm wieder hält, müssen wir anschließend den angeschwemmten Schlamm aus dem Kanal baggern, damit die notwendige Tiefe für die Schifffahrt wieder vorhanden ist. Wo keine Strömung herrscht, haben wir im Kanal teilweise nur 40 Zentimeter Wassertiefe.“ ‚ Die Wasserstraße werde frühestens in einer Woche wieder befahrbar sein. Derzeit liegen acht bis zehn Schiffe im Osnabrücker Hafen fest.

Zwischen der Bruchstelle und Hollager Schleuse hat man noch Freitagnacht damit begonnen, von einer östlich gelegenen Zufahrtstraße aus einen provisorischen Steindämm aufzuschütten, um an die Schadstelle heranzukommen. Denn die Teile des Dammes südlich und nördlich der Bruchstelle sind dermaßen aufgeweicht, dass sie von Lastwagen und Baggern nicht befahren werden können. Außerdem kann so auch das Wasser aus den Haseauen ungehindert in den Zweigkanal und letztendlich in den Mittellandkanal abfließen.
Verstärkte Kontrollen von „Dammgängern“ hatten am Donnerstagnachmittag erste Hinweise auf das beginnende Unglück gebracht. Aber der Bruch in dem vermutlich von Kleintieren unterwühlten Dammstück war, so Experten, nicht mehr zu verhindern. Eine besonders große Schwierigkeit für die Einsatzleitung stellte der Zusammenbruch des internen Telefonsystems dar, dessen Leitungen im Damm verlegt waren. Außerdem hatte man plötzlich keinen Strom mehr. Die elektrische Energie musste aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden, nachdem das Pumpwerk, in dem der Hauptstromanschluss untergebracht ist, unter Wasser stand.

„Wir müssen erst mal ab warten, wie die Situation sich entwickelt“, meinte auch Hans-Joachim Behrens, Dezernent der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Mitte, der aus Hannover angereist war. Auch bei ihm war ein gewisser Galgenhumor nicht zu verkennen: „Ich kann das Wasser auch nicht aufhalten“. Behrens schätzte die Lage jedoch so ein, dass man erst einmal die Schadstellen an den Hasewällen reparieren müsse, bevor die Kanalbegrenzung wieder instand gesetzt werden könne.

Beide Fachleute konnten den entstandenen Schaden noch nicht abschätzen. Harries: „Auch die Verantwortlichkeit ist etwas konfus, da für die Hase in diesem Bereich das Osnabrücker Wasserwirtschaftsamt zuständig ist, für den Kanal aber des Wasser- und Schifffahrtsamt.“ Derweil blickt er mit Schrecken auf die riesigen Lücken, die die Strömung in den Boden der Haseauen gegraben hat, und blinzelt anschließend zaghaft zum Himmel, an dem bereits wieder schwarze Regenwolken und damit neue Gefahr droht.

„Osnabrücker Hafen fällt für mindestens vier Wochen aus. Dammbruch löste Katastrophe aus.“

Wallenhorst/Osnabrück. Diese Schlagzeilen gab es am 06. Dezember 1960 in den Osnabrücker Zeitungen zu lesen. Am Sonntag‘, 4. Dezember, war oberhalb der Hollager Schleuse und unterhalb der dort befindlichen Bootshäuser der Damm des Stichkanals auf einer Breite von rund fünfzig Metern gebrochen. Ausgelöst wurden die Überschwemmungen seinerzeit durch eine schwere Sturmnacht, die ziemliche Verwüstungen anrichtete.

Wie in der Nacht zum Freitag durchbrach die hochwasserführende Hase am 4. Dezember den Damm des Stichkanals. Die Katastrophe nahm dann allerdings weit größere Ausmaße an (siehe Foto unten), als der neuerliche Bruch. Im Dezember 1960 überspülten die Wassermassen die Hollager Schleuse und gruben sich neben dem Kanal ein neues Wasserbett von fast fünfzig Meter Tiefe. Das Wohnhaus des Schleusenwärters und eine Pumpstation wurden völlig zerstört. Der Einbruch des Hasewassers in den Stichkanal ‚ließ „die Wasserstraße 1960  um rund 65 cm steigen und machte damit die Schifffahrt unmöglich. Vier bis fünf Wochen, so hieß es damals werde der Osnabrücker Hafen stillliegen.  Auch diesmal dürfte das der Fall sein. Drei Schiffe lagen bei der ersten Katastrophe unmittelbar an der Schleuse fest. 24 Kähne mussten im Hafen darauf warten, dass die Strecke wieder passierbar wurde.

Aus dem damaligen Landkreis Osnabrück meldete man seinerzeit aus fast allen Gemeinden Überschwemmungen größeren Ausmaßes. Vor allem die Düte und der Goldbach traten weit über die Ufer. Die Landstraße zwischen Oesede und Kloster Oesede wurde ebenso gesperrt, wie die Landstraße zwischen Hagen und Natrup-Hagen. Die Bundesstraßen 51 und 68 waren über geraume Zeit unpassierbar. Soldaten der britischen Armee mussten eine Firma in Oesede mit über 5000 Sandsäcken vor den Fluten schützen.

Quelle:  NOZ v. 14.03.1981 

Informationen von:
Gisela Söger und Rolf Kruse
mit Fotos von: Hartwig Fender, Heinz Wichmann und Heinrich Waltermann