Die Störche auf dem Hof Niehaus

Vögel standen beim Hofbesitzer nicht immer in hohem Ansehen / Heute nur noch kurze Gäste

WALLENHORST

Der Hollager Ortsteil Barlage ist ein abgeschiedenes und fast weltentrücktes Fleckchen: im Westen die Hase und die Landesgrenze, im Osten der Stichkanal. Nur über zwei Brücken kann man ihn betreten. Und muss auf dem gleichen Weg auch wieder zurück: Die Straße „ln der Barlage“ ist eine Sackgasse. Sicherlich trägt dieser Umstand dazu bei, dass die Barlage ein kleiner und idyllischer Siedlungsplatz geblieben ist. Lange Jahre war er das auch für Störche. Sowohl auf der Hofstelle Gers-Barlag als auch auf dem Hauptgebäude des 1963 abgebrannten Hofes Niehaus hatte Adebar seinen Platz.

Colon Ferdinand Niehaus (1868-1935). Er gab den Störchen wieder eine Heimat.      Foto: Archiv Niehaus

Schon Helene Niehaus, die Schwiegermutter der heute 96 Jahre alten Seniorin Maria Niehaus, nannte diesen Grund, als sie 1956 für einen Zeitungsbericht dazu befragt wurde: „Wi ligget hier anne ütersten Grenze.“ Diesem Artikel in der „Neuen Tagespost“ ist aber auch zu entnehmen, dass die Störche nicht immer in hohem Ansehen beim Hofbesitzer standen. 1883 traf der Blitz das Haus, welches daraufhin ein erstes Mal abbrannte. Landarbeiter in der Nähe wollten beobachtet haben, dass der Blitz in das Storchennest einschlug, das Nest den Blitz also „angezogen“ habe. Der Bauer wollte nun gar nichts mehr von einem Storchennest auf dem 1884 wieder errichteten Gebäude wissen.

Dessen Witwe Helene Niehaus, geborene Honigfort (1878-1969), im Kreise ihrer Enkel um 1960. Zweiter von links ist der heutige Hofbesitzer Albert Niehaus.                           Foto: Archiv Niehaus

Die im nächsten Frühjahr wiederkehrenden Störche ließen aber keine Ruhe. Immer wieder kamen sie angeflogen und legten Reisig auf den nackten Dachfirst. Mit dem Nestbau konnte es auf diese Weise natürlich nichts werden, weil die Zweige stets abrutschten und in der Dachrinne landeten. Das Storchenpaar schien jedoch auf sein „Heimatrecht“ zu pochen und gab nicht auf. Da bekam Ferdinand Niehaus Mitleid mit den treuen Hausgenossen und richtete wieder eine Neststütze ein. Wenn der Heimatforscher Franz-Joseph Hawighorst an seine Schulzeit zurückdenkt, dann fällt ihm der Ausflug in der ersten Klasse 1956 ein. Wie in jedem Schuljahr führte Lehrer Franz Grammann die neuen Abc-Schützen in die Barlage zum Hof Niehaus, wo man das muntere Treiben auf dem Storchennest beobachtete.

Grammann erzählte die Geschichte von den klugen und treuen Störchen, die trotz widrigster Umstände auch in der Kriegszeit immer wieder zu ihrem angestammten Nistplatz zurückkehrten. Der Rückweg wurde den kurzen Beinen der Erstklässler zu lang. Grammann wusste das. Deshalb nahm er immer einige Jungen aus der achten Klasse mit, die die Kleinen wenigstens für einen Teil der Strecke huckepack nahmen. Unterwegs wurde noch ein Bienenstock angeguckt, und dann war man mittags wieder in der Schule. Das alles war spannend genug für einen Schulausflug in den 1950er-Jahren. In letzter Zeit sind Störche in der Hollager Haseniederung leider nur noch als Gäste zu sehen. Die Gemeinde Hollage hat in Erinnerung an die Storchen-Idylle vergangener Jahrhunderte in den 1960er Jahren am Erweiterungsgebäude der Hollager Schule die Plastik „Storchengruppe“ des Künstlers Johann Brand anbringen lassen.  jod

Quelle: NOZ vom 06.10.2018