Einst ein gut besuchtes Ausflugslokal

Verschwundener Ort in Rulle: Das Gasthaus Wellmann-Weries

Das Gasthaus an der Nette ist nicht etwa der Titel eines Krimis von Edgar Wallace. Auch das frühere Café „Zur Wittekindsburg“ der Familie Flake in der Nähe der Nette, heute ein Seniorenheim, ist nicht gemeint. Nein, es geht um das historische Gasthaus Wellmann-Werries am Fuße des Ruller Haupthügeis.

Von Joachim Dierks

WALLENHORST Einige Frühgeborene in Rulle werden sich noch an die alte Gastwirtschaft von Ferdinand Wellmann erinnern: Sie lag auf der „Bergseite“ der Straße Am Haupthügel, während der Kaffeegarten sich auf der anderen Straßenseite bis hinunter an die Nette erstreckte. Kaplan Raudisch hat in den 1930er-Jahren das Kaffeehaus und den idyllischen Garten fotografisch dokumentiert. Familie Wellmann betrieb hier ab 1903 eine Landwirtschaft und eine Stellmacherei. Weil sich das an der Verbindungsstraße von Rulle nach Haste so anbot, kamen später auch ein kleiner Lebensmittelverkauf und ein Ausschank hinzu. 1919 übernahm Sohn Ferdinand die Gaststätte. Er erweiterte sie 1927 zu einem Ausflugslokal, Wobei seine aus Voxtrup stammende Frau Paula, geborene Berelsmann, die finanziellen Fäden geschäftstüchtig in Händen hielt.

Kaffeegarten

In den 1930er-Jahren erlebte das Lokal seine Blütezeit. Auf der anderen Straßenseite stieg man eine Treppe hinab in den idyllischen Kaffeegarten, der sich bis zur Nette erstreckte. Ob die Nette hier schon so heißt oder noch Ruller Flut, die erst ab Aufnahme des Niederrielager Baches zur „richtigen“ Nette wird, ist in den Karten unterschiedlich dargestellt. Für Wellmanns war aber klar, dass ihr Kaffeehaus „zur Nette“ hieß und nicht „zur Ruller Flut“. Ein Anbau kam hinzu, der der älteren Generation noch als „Saal“ in Erinnerung ist, offiziell aber nur als Vereinszimmer genehmigt war. Dieses Vereinszimmer war für Hochzeiten und Vereinsfeste sehr gefragt. Unter anderem probte der Ruller Gesangverein hier allwöchentlich.

Das Lokal war das Ziel auch vieler Ausflügler von jenseits des Haster Berges geworden, die am Sonntagnachmittag hier ihren Kaffee tranken. Dazu hatte Ferdinand Wellmann eine Rollwand installiert, um am Sonntag aus dem großen Vereinszimmer eine kleinere gemütliche Kaffeestube zu machen. Das Geschäft lief so gut, dass sich die Wellmanns entschlossen zu erweitern. Im Erweiterungsbau sollte auf 100 Quadratmetern ein neuer Saal entstehen. Das bisherige Vereinszimmer sollte für Kaffeegäste umgebaut werden.

Saalanbau gestoppt

Die Erweiterung hätte Rulle um ein sehr attraktives Angebot reicher machen können. Allein, der Amtsschimmel stand im Wege. Der Landkreis hätte die Konzession auf Schankwirtschaft mit Saalbetrieb erweitern müssen. Es galt preußisches Recht, das eine Bedürfnisprüfung vorsah. Der Ruller Bürgermeister erklärte, in Rulle gebe es Bedarf nach einer Erweiterung, wie sie Ferdinand Wellmann beabsichtige. Beteiligt war auch die Berufsvertretung der Arbeitgeber des Gaststättengewerbes. Dort wurde aber der Bedarf nach einer solchen Erweiterung der Schankkonzession verneint. Begründung: In Rulle gebe es die großen Säle Knollmeyer, Sprengelmeyer (jetzt Lingemann) und Spannhorst. Diese Säle seien derzeit selbst bei „ausgesprochenem Ausflügler- und Prozessionsverkehr nicht einmal zur Hälfte ausgenutzt“. Die Angelegenheit wurde im April 1936 beim Kreisverwaltungsgericht verhandelt. . Das Gericht bestätigte die Ablehnung der beantragten Konzession, wobei der NS-typische Gemeinschaftsgedanke in den Vordergrund gestellt wurde: Die Bereitstellung von Gasträumen bei Spitzenbelastungen sei eine Aufgabe der Gemeinschaft aller vorhandenen Betriebe. Aus der Urteilsbegründung: „Die in einer Gemeinde vorhandenen Gastwirtschaftsbetriebe sind […] grundsätzlich als einheitlicher Apparat anzusehen. Nicht jeder Einzelbetrieb […] braucht so eingerichtet zu sein, dass er allein allen örtlichen Spitzenbelastungen des Verkehrs genügen kann.“ Ferdinand.

Wellmann starb Anfang der 1950er-Jahre. Da das Paar kinderlos geblieben war, adoptierte die Witwe Paula Wellmann einen weitläufigen Verwandten, den jungen Malermeister Heinrich Detmer, und bestimmte ihn zum Erben. Der blieb aber seinem Malerberuf treu und stieg nicht in die Gastronomie ein. Paula führte das Gasthaus eine Weile weiter und verpachtete es dann an ihren Schwager Johannes Werries. Der war bald allgemein unter seinem Spitznamen „Emmes” bekannt. Es fiel schwer, mit der jetzt „Wellmann-Werries“ genannten Gastronomie an die erfolgreichen Vorkriegsjahre anzuknüpfen.

Die Konstellation mit der durch die Straße abgetrennten Gartenwirtschaft wurde mit dem zunehmenden Straßenverkehr immer schwieriger. ln den Anfangsjahren war die Straße noch unbefestigt. Da sorgten die vorbeifahrenden Autos und Motorräder für viel Staub, der bei passendem Wind auf die Kuchenteller im Garten wehte. Der Wirt hatte zwar hinter einem Gebüsch eine Wassertonne aufgestellt und einen Gehilfen damit beauftragt, regelmäßig die Straße zu besprengen. Aber das konnte die missliche Entwicklung nicht aufhalten.

„Fliegenpilz“

Anfang der 1960er-Jahre gab Frau Werries den Gaststättenbetrieb auf. Eigentümer Heinrich Wellmann-Detmer vermietete die Räume übergangsweise an die Näherei Sonntag. Anfang 1966 entschied er, das marode Gebäude abreißen zu lassen. An seiner Stelle stehen heute zwei Wohnhäuser. Auf der anderen Straßenseite aber, auf dem Gelände der ehemaligen Kaffeeterrasse, baute Wellmann-Detmer ein neues Gaststättengebäude. Es ging durch die Hände verschiedener Pächter, trug zunächst den Traditionsnamen .„Gasthaus zur Nette“, dann war es zeitweilig der „Fliegenpilz“. In den letzten Jahren wurde es zu Wohn- und Bürozwecken umgenutzt. Übergangsweise zog das Pfarrbüro von St. Johannes ein, als sein Sitz an der Klosterstraße durch einen Neubau ersetzt wurde. Anschließend behielt Wellmann-Detmer die Bischöfliche Behörde als Generalmieter. „Domvikar Monsignore Reinhard Molitor wohnt da – der passt gut auf“, freut sich Heinrich Wellmann-Detmer.

Diese Serie führt uns zu verschwundenen Orten in der Großgemeinde Wallenhorst, die einst bedeutend waren, über die die Zeit aber hinweggegangen ist. Teils sind trotz Verfalls oder Abbruchs noch Spuren aufzufinden, teils hat eine Neubebauung nichts als die Erinnerung bei älteren Mitbürgern übrig gelassen.  

Quelle: NOZ v. 04.01.2019