Erinnerung an Lechtinger Bergmeister

von Joachim Dierks

Wallenhorst
Pagenstecher ist nicht gleich Pagenstecher. Die bekannte Osnabrücker Ausfallstraße dieses Namens, von den Anhängern der Automeile auch liebevoll „Page“ genannt, bezieht sich auf den Familienzweig, der den Osnabrücker Stadtsyndikus und Stüve-Freund Dr. Albrecht Pagenstecher (1800 – 1863) hervorbrachte. Die Pagenstecherstraße auf Wallenhorster Gebiet erinnert hingegen an dessen Cousin: an den Bergmeister Johann Rudolf Pagenstecher (1808 – 1891).

Dieser „Lechtinger Pagenstecher“ machte am Ratsgymnasium Abitur und studierte dann an der Bergakademie Clausthal. 1831 kam er als junger Bergassessor an den Piesberg und wurde dem Bergmeister Johann Andreas Herold unterstellt. Doch Herold war über die ihm zugedachte Hilfe nicht erfreut. Er witterte in Pagenstecher einen Aufpasser und hielt ihn von allen wichtigen Entscheidungen fern. Die Zusammenarbeit wurde immer schlechter. Die Bergwerkskommission der Stadt sah sich schließlich genötigt, die beiden Kontrahenten zu trennen und jedem einen eigenen Verantwortungsbereich zuzuweisen.

Für Herold war dies die westliche Revierhälfte, für Pagenstecher die östliche, die Lechtinger Seite. Auf Pagenstechers Seite lief es besser als auf Herolds. Ob dies Herold grämte und zu seinem frühen Tod beitrug, ist nicht bekannt. Als Herold 1833 starb, stellte man den Abbau am Westhang vorläufig ein. Pagenstechers Position war gefestigt. Er stieg zum Berggeschworenen und 1848 zum Bergmeister auf.

Pagenstecher machte die Zeche groß. Als er anfing, beschäftigte sie 63 Arbeiter. Als er 1879 nach 48 Jahren ausschied, war daraus ein Industriebetrieb mit 1500 Bergleuten geworden. Unter seiner Führung erlebte das Bergwerk die wohl erfolgreichste Zeit und war zeitweilig der bedeutendste Industriebetrieb der Stadt Osnabrück. Er hatte wichtige Weichenstellungen vorgenommen, die die Fördermengen nach oben brachten und halfen, den gewaltigen Kohle-Hunger der aufblühenden Industrie zu stillen: 1850 ließ er den Lechtinger Tiefstollen graben, er warb erfahrene Bergleute aus dem Harz an, er baute 1852 die Lechtinger Kaue und sorgte für die Zweigbahn zum Piesberg. Um 1850 stammten bis zu 48 Prozent der städtischen Einnahmen aus der Gewinnabführung des Bergwerks. Bis 1868 erhob Osnabrück daher keine Kommunalsteuer. 1872 gab Pagenstecher als 64-Jähriger das Amt des Bergmeisters und Bergwerksdirektors ab. Die Stadt als Eigentümerin des Bergwerks mochte aber auf seine langjährigen Erfahrungen nicht verzichten und behielt ihn noch sieben weitere Jahre in der Zechenleitung.

Auch außerhalb der Zeche wirkte Pagenstecher erfolgreich. 1840 etablierte er eine „Sägemühle und Kalkbrennerei“ in Lechtingen, die unter anderem Stempelholz für die Gruben lieferte. Er gründete eine Fortbildungsschule für junge Bergleute und baute eine ordentliche Knappschaft auf. Der Multi-Unternehmer war seit 1836 im Besitz eines Bauernhofes, des alten Hofes Willwisch in Lechtingen. Auch wenn der „lutherische“ Pagenstecher bei den ansonsten katholischen Grundstücksbesitzern anfangs nicht gerne gesehen war, verschaffte sich Pagenstecher mit der Zeit doch Respekt. Aufgrund der an der Akademie erworbenen geologischen Kenntnisse, des Studiums wissenschaftlicher Fachschriften und eigener praktischer Erfahrungen konnte er vielen Hofbesitzern mit Rat und Tat helfen. Zusammen mit seinem Hofnachbarn Mosting zog er über die Dörfer, gründete landwirtschaftliche Vereine und hielt in Versammlungen Vorträge über neue Wege zur Intensivierung der Landwirtschaft.

Pagenstecher hatte viele seiner Zechenarbeiter ermuntert, sich in Lechtingen als „Neubauern“ zum Nebenerwerb niederzulassen. Für diese kleinen landwirtschaftlichen Betriebe waren die bestehenden Mühlen in Rulle und Hollage schwer zu erreichen. Deshalb entschloss sich Pagenstecher noch im Alter von 78 Jahren zum Bau einer Windmühle auf seinem Gelände – die bis heute erhaltene Lechtinger Mühle.

Quelle: NOZ vom 30.4.2015