„Glockenklau zu Wallenhorst“ ereignete sich vor 60 Jahren

Die „Überwachungskamera“ des Augenzeugen Brockmeyer hält den Moment des „Glockenklaus von Wallenhorst“ fest. Im Vordergrund steht eine der neuen Stahlglocken, während junge Gemeindemitglieder auf der Ladefläche des „Opel Blitz“ die kleine Bronzeglocke absetzen. Foto: Hans Brockmeyer, aus: Wallenhorster Geschichten, Band 1, Verlag Bergmann, Osnabrück.

Listiger Handstreich oder Freveltat?

Wallenhorst
Kürzlich geriet Wallenhorst wegen beleuchteter Gullydeckel in einem Kreisverkehr bundesweit in die Schlagzeilen. Ob der Anlass das rechtfertigte, mag dahingestellt sein. Jedenfalls war dies nicht das erste Mal, dass Wallenhorst weit über die Grenzen des Osnabrücker Landes hinaus Aufsehen erregte. Vor 60 Jahren trug sich in Wallenhorst eine Geschichte zu, über die ebenfalls bundesweit berichtet – und geschmunzelt – wurde, und das aus gutem Grund.

Es ging um die „Engelsglocke“ in der Pfarrkirche St. Alexander. Diese Bronzeglocke von 1907 war als einzige im Krieg dem Schmelzofen entgangen und nicht für die Produktion von Granathülsen konfisziert worden. Weil sie die kleinste der ursprünglich drei Glocken war, hatte man sie der Gemeinde gelassen. Durch all die schlimmen Jahre läutete sie die Tageszeiten und wuchs den Wallenhorstern als treue Notbegleiterin ans Herz.

1954 hatte die Gemeinde wieder Geld für ein vollständiges Geläut beisammen. Es reichte noch nicht für Bronzeglocken, aber immerhin für solche aus Gussstahl. Am 17. Oktober 1954 weihte Domkapitular Paul Schaeper auf dem Kirchplatz die vier neuen Glocken. Nun harmonisierte aber die alte Engelsglocke in Material und Tonierung nicht mit den vier neuen. Deshalb beschloss der Kirchenvorstand, die Engelsglocke dem Bistum zur Verfügung zu stellen, und äußerte auch schon gleich einen Weiterleitungswunsch: Sie möge doch bitte zukünftig der jungen, wachsenden Diasporagemeinde in Bad Essen läuten, die ein früherer Wallenhorster Mitbürger als Seelsorger betreute.

Nicht alle Gemeindemitglieder fanden das gut. Es waren überwiegend Mitglieder des Jungkolping, die mit großem körperlichem Einsatz die Alte Alexanderkirche soweit hergerichtet hatten, dass man sie wieder für Gottesdienste nutzen konnte. Sie wollten die Engelsglocke in den dortigen Glockenstuhl hängen, der seit 1881 leer war. Sie sahen es als eine „Pflicht der Pietät gegenüber der Generation an, die ihr Geld für das alte Geläut gespendet hat, das letzte Stück der alten Bronzeglocken für Wallenhorst zu erhalten“, wie sie später zu Protokoll gaben. Die Kirchenvorstände in Wallenhorst und Bad Essen ahnten von all dem, was sich da im Untergrund tat, nichts.

Trinkpause

Eines schönen Oktobertags erschien eine Abordnung aus Bad Essen mit Lkw und Abholauftrag auf dem Vorplatz der neuen Alexanderkirche. Erwartungsvoll blickten die Herren der an einem Seil vom Turm herabschwebenden Engelsglocke entgegen. Auf halbem Wege stoppte jedoch plötzlich die Abwärtsbewegung. Die Bad Essener wurden beruhigt und in die benachbarte Gaststätte Berelsmann eingeladen, um erst einmal einen Schluck zu trinken. Unterdessen blockierten die Jungkolpinger den Bad Essener Lkw mit Holzbohlen und ließen vorsichtshalber auch noch die Luft aus den Reifen. Daraufhin rangierten sie ihren vom Milchhändler Besselmann gecharterten Opel Blitz unter den Flaschenzug, setzten die Glocke darauf ab und verschwanden. Niedergeschlagen kehrten die Bad Essener ohne Glocke in ihre Gemeinde zurück. Man sah ein Mitglied der Delegation, einen 80-jährigen Heimatvertriebenen, weinen, hieß es später, und zitierte ihn mit den Worten: „Das war härter als die Heimatberaubung!“

Die Engelsglocke wurde zunächst in Vörden, dann in Schleptrup versteckt. Die Aufklärung der Tat ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Denn es gab ein Beweisfoto, das Hans Brockmeyer, der damals 15 Jahre alte Sohn des Küsters und Schneidermeisters Brockmeyer, mit seiner nagelneuen Agfa Silette-Kamera geschossen hatte. „Kösters Hänsken“ gab das Foto an einen der Tatbeteiligten weiter. Auf unbekannten Wegen gelangte es an den Kirchenvorstand. Der erstattete dem Generalvikariat Meldung und legte das weitere Verfahren in die Hände des Erzbischofs. Wilhelm Berning lud die Jungkolpinger vor und hörte sie an, konnte und wollte sich aber natürlich nicht über die Beschlüsse beider Kirchenvorstände hinwegsetzen und verfügte die sofortige Überstellung der Glocke nach Bad Essen.

Dort kam sie dann auch an und diente der Pfarrgemeinde bis 1979. In dem Jahr hatte der „Verein der Freunde und Förderer der Alten Kirche zu Wallenhorst“ Geld gesammelt, um den Bad Essenern eine neue Glocke zu spendieren. Dafür rückten sie die Wallenhorster Engelsglocke heraus, die nun in den verwaisten Glockenstuhl der Alten Alexanderkirche einziehen konnte. Somit hatte alles ein Happy End gefunden. Der innigste Wunsch der Jungkolpinger war mit 25 Jahren Verspätung in Erfüllung gegangen.

von Joachim Dierks

Quelle: NOZ vom 20.11.2014