Purzelbaum auf dem Strohsack

In den 1930er Jahren sind Hollager Schulkinder zum Dienst in der Hitlerjugend auf dem Schulhof angetreten. Über dem Toilettenbereich weht die HJ-Fahne.  (Foto: Archiv Familie Kock)

Die alte Hollager Schule stand von 1869 bis 1969 in der Dorfmitte

Von Joachim Dierks  

WALLENHORST  Wenn hier von der ”Alten Schule” in Hollage die Rede ist, geht es nicht etwa um den Altbau der Erich-Kästner-Schule (EKS),der zurückgesetzt am Berghang liegt und von 1975 bis 2004 die Orientierungsstufe beherbergte.   Nein,  es geht um die noch viel ältere  alte Schule, die von 1869 bis 1969 direkt vorne an der Hauptstraße (heute: Hollager Straße) stand.    Und zwar etwa dort, wo seit 1971 der Neubau der Hollager Grund- und Hauptschule, der der heutigen EKS, steht   Noch genauer: Der Schnittpunkt der beiden Gebäudeflügel war dort, wo heute das Symbol der Hollager Weltoffenheit, die Großplastik der Weltkugel, das Zentrum des Erich-Kästner Platzes ausmacht. Ein paar Meter weiter östlich befand sich das alte Lehrerwohnhaus, das 1962 an den Drogisten Nothoff verkauft wurde (später Drogerie Grewe, heute St.-Josef-Apotheke).

 50 Kinder in der Klasse

In diesem Lehrerwohnhaus hat Gerd Kock, der heutige Seniorchef des Dentallabors Kock, Kindheit- sund Jugendjahre verbracht, denn sein Vater Gerhard Kock war von 1921 bis 1953 Hauptlehrer an der Hollager Schule. Und natürlich hat Gerd Kock auch lebhafte Erinnerungen an die Schule selbst, die er in den Anfangsjahren besucht hat, bevor es ans Carolinum nach Osnabrück ging: „Wir waren mehr als 50 Kinder in der Klasse, es herrschte drangvolle Enge.“ Im  Winter mussten die Jungs reihum immer die Kohle holen für den Ofen im Klassenraum. Das waren schwere Anthrazitblöcke, die aus dem Schuppen herangeschafft und dann erst klein geschlagen werden mussten, damit sie durch die Ofenklappe passten. Gerd Kock, Alois Menkhaus und Franz-Joseph Hawighorst haben sich zu einem Erinnerungsaustausch zusammengesetzt. Alle drei hatten ihre Erlebnisse in der alten Schule, wenn auch Zeitversetzt: Kock von 1935 bis 1939, Menkhaus von 1939 bis 1947 und das Nachkriegskind Hawighorst von 1956 bis 1965. Allen dreien gemeinsam ist die Erinnerung an die sogenannte Weihnachtsschule. Das war eine Einrichtung zur Entlastung der Eltern bei den Weihnachtsvorbereitungen. Obwohl eigentlich Weihnachtsferien waren, machte die Schule an Heiligabend nachmittags auf. Alle Lehrer hatten zu erscheinen und alle Hollager Schulkinder auch. „Das war’ der schönste Schultag des Jahres für uns“, erinnert sich Hawighorst, „keiner murrte, dass er wieder zur Schule musste.“ Die Lehrer lasen weihnachtliche Geschichten vor, aus jeder Klasse sagte einer Gedichte auf, es wurde gesungen. Zum Abschluss hieß es: „Wenn Ihr jetzt nach Hause geht, dann war bestimmt schon das Christkind da“ Zuvor kriegte jeder an der Treppe noch eine Tüte mit Plätzchen mit auf den Weg. Die hatte Strößner gratis gebacken aus den Zutaten, die die Kinder zuvor von zu Hause mitgebracht hatten. Menkhaus steht noch das Bild vor Augen, wie vor jedem Klassenraum eine lange Reihe von Holzschuhen aufgebaut war. Jedes Kind kam mit „Holsken“ zur Schule. In den Klassenraum durfte man aber nur auf Strümpfen. Damit die Holzschuhe länger hielten, bekamen sie Abschnitte von alten Fahrradmänteln untergenagelt. „Schön und gut, aber wenn wir im Winter glitschen wollten, dann bremste das, da haben wir das Gummi einfach wieder heruntergerissen“, gesteht Menkhaus. Die Hanglage am Hollager Berg bot außerdem optimale Rodelstrecken. Es ging am Schießstand entlang oder durch den Schulgarten, in einem Schwung über die Straße hinweg bis in Strößners Apfelwiese. Das war nicht weiter gefährlich, denn „auf der Straße war ja kein Verkehr im Vergleich zu heute“.

 Nur ein Schulraum

 Genau 100 Jahre stand die alte Schule mitten in Hollage. Gebaut wurde sie 1869 für 130 Kinder, die Lehrer Burlage in einem einzigen Schulraum unterrichtete. Zweimal wurde angebaut. Anlass war jeweils die Bewilligung einer weiteren Lehrerstelle. 1879 kam Bernhard Egbers nach Hollage, übrigens der Großvater von Gerd Kock. Junglehrer heirateten augenscheinlich immer gern die Töchter der älteren Schulmeister, sodass regelrechte Lehrerdynastien entstanden. In Hollage gehört auch Heinrich Römermann dazu, der ebenfalls eine Egbers-Tochter ehelíchte. 1896 entstand durch einen weiteren Anbau der dritte Klassenraum, die alte Hollager Schule hatte ihre endgültige Größe erreicht. Aber die Hollager bekamen weiterhin viele Kinder. 1933 drängten sich 269 Schüler in den drei Räumen, was nur mit Nachmittagsunterricht zu bewerkstelligen war. Ein Schulneubau wurde bewilligt. 1936 ging die sogenannte neue Schule an den Start es ist der Mitteltrakt der späteren Orientierungsstufe. Zwischen der alten Schule unten an der Straße und der neuen Schule oben am Hang lag die scherzhaft so genannte „Mittelschule“, die aber nichts weiter war als ein Toilettenhäuschen, „dat Pisshüsken“. Es stank meistens fürchterlich. Auf der Jungen-Seite bestand es aus einer „Pissrinne“ und einem Plumpsklo, auf der anderen Seite war das Mädchenklo und ein separates Örtchen für die Lehrerin, Fräulein Weber. „Beim Leeren der Abortgrube ist mal einer meiner Mitschüler hineingefallen, das war ein Theater!“, weiß Kock noch, „der musste sich dann bei uns zu Hause in der Lehrerwohnung waschen und umziehen.“

 Unkrautjäten als Sport

 In der ersten Schulstunde war meistens Religion, „immer abwechselnd Bibel oder Katechismus“. Wer in Religion eine Eins haben wollte, musste sich melden und den Katechismus auswendig herunterrasseln. In der Sportstunde ging es oft in den Lehrergarten zum Unkrautjäten. Oder hoch zum Sportplatz. Da spielte dann Hollager Straße rechte Straßenseite Fußball gegen die linke, in Holzschuhen. Wenn es zum Ende der Stunde unentschieden stand, wurde der Sportunterricht so lange verlängert, bis das nächste Tor fiel. Da ein Lehrer sämtliche Fächer unterrichtete, kam es nicht so genau drauf an. Im Winter fand das   Turnen im Klassenraum statt, berichtet Hawighorst aus den 1950ern: „Eine ‘Turnhalle gab’ s ja noch nicht, da hat unser Sportlehrer Franz Grammann uns auf Strohsäcken Rolle vorwärts machen lassen.“

Die alte Schule wurde in den späten 1950ern zum Stehimweg. Der früher unbedeutende Landweg vor der Schule war zu einer Kreisstraße befördert worden, über die der zunehmende Verkehr zwischen Wallenhorst und dem Bahnhof Halen rollte. Der nördliche Schulhausgiebel zwang der Straße eine schlecht einsehbare Kurve auf. 1959 entschied der Landkreis, ein paar Meter von dem Schulhaus abzukappen und damit die Linienführung der Straße zu verbessern. Das bedeutete einen Klassenraum weniger, was aber zu verkraften war, weil die neue Schule oben am Hang 1957/58 um einen Ostflügel erweitert worden war (und später, 1963, auch noch um einen Westflügel). Zu einer weiteren Raumeinbuße kam es, als 1960 das Gemeindebüro vorübergehend Quartier in der Schule nahm. Der frisch bestallte Gemeindedirektor Hugo Pott und seine Mitarbeiterinnen Anni Wächter, Annelies Römermann und Maria Rust lenkten von hier aus die Geschicke der Landgemeinde, bis 1966 das neue Rathaus (heute Philipp-Neri-Haus) bezugsfertig war. Drei Jahre später war das Schicksal der alten Schule endgültig besiegelt. Sie wurde abgerissen. In den neuen Zeiten, in denen eine Bildungsreform die nächste jagte, war kein Platz mehr für sie. An ihre Stelle trat 1971 der unvergleichlich größere und hellere Neubau der heutigen Erich-Kästner-Schule.

Nach dem Abschluss der Serie „Was sagt uns der Straßenname?“ haben wir eine neue Serie begonnen, die sich ebenfalls mit der Geschichte der Großgemeinde , Wallenhorst und ihrer vier Ursprungsgemeinden befasst. Sie Verschwundene Orte führt uns zu verschwundenen Orten, die einst bedeutend waren, über die die Zeit aber hinweggegangen ist. Teils sind trotz Verfalls oder Abbruchs noch Spuren aufzufinden, teils hat eine Neubebauung nichts als die Erinnerung bei älteren Mitbürgern übrig gelassen. Nach einem ersten Beitrag über Gastwirtschaft und Schmiede der Familie Kirchhof neben der Alten Alexanderkirche erinnern wir heute an die alte Hollager Schule. jod

Quelle: NOZ v. 05.06.2018