Schulweg führt von neuer zu alter Schule

Tatort Lechtingen: 1898 geschah hier ein Kindermord

jod WALLENHORST
Mitten in Lechtingen zweigt von der Osnabrücker Straße, der alten Bundesstraße 68, der Schul weg ab. An ihm liegen die Grundschule, der Kindergarten und die Sporthalle. Aha, klarer Fall, möchte man meinen, daher hat der Schulweg seinen Namen.

Dem ist aber nicht so. Als die Gemeindeväter von Lechtingen in den 1960er-Jahren dem Schulweg seinen Namen gaben, da waren die genannten Einrichtungen an dieser Stelle noch nicht einmal in Planung. Beidseitig des Schulweges erstreckten sich die Ländereien des Hofes Mosting. Erst an seinem anderen, dem östlichen Ende auf dem Lechtinger Berg, stieß man auf ein Schulhaus: die alte Lechtinger Schule, die dem Schulweg zu seinem Namen verholfen hatte. Das Gebäude steht nach wie vor, es ist zu einem hübschen Wohnhaus umgebaut worden. Der Schulbetrieb endete hier in den 1970er-Jahren und ging darin auf die neue Schule über, die wohl nur zufällig am Schulweg entstand.

Bis in die Nachkriegsjahre hinein war Lechtingen das,was es immer schon gewesen war: eine ländliche Gemeinde mit einer Streubesiedlung ohne größere planmäßig entwickelte Baugebiete. Dabei lässt sich eine gewisse Zweiteilung feststellen, die – wiederum nur zufällig – in etwa entlang der neuen B 68 verläuft. In der Osthälfte waren auf den guten Böden die ersten Besiedlungen entstanden. In der Westhälfte mit den nicht so guten Böden wurden in späteren Siedlungsperioden zunächst der Vollerbe Mosting und dann auch Markkötter angesiedelt.

Wenn es so etwas wie einen Mittelpunkt im Leben der Lechtinger gab, dann lag er im Ostteil auf dem Lechtinger Berg, dort, wo über Jahrhunderte hinweg unter dem Burbaum die Gemeindeversammlungen tagten. Die Lechtinger Kinder hatten zunächst über viele Generationen hinweg lange Wege zur Küsterschule bei der Alten Alexanderkirche zurückzulegen. Erst zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstand auf dem Lechtinger Berg in der Nähe der Burstie, des alten Versammlungsplatzes, die erste Lechtinger Schule. Sternförmig führten mehrere Wege aus den verstreuten Siedlungen auf den Knotenpunkt an der Schule zu.

Nach wie vor existiert am Schulweg ein kleines Waldgebiet, das die Schulkinder aus dem Westen Lechtingens durchschreiten mussten, um zu ihrer Schule auf dem Lechtinger Berg zu gelangen. In dem Wald erinnert ein Kreuz  an den Lechtinger Kindermord. Am 9. September 1898  waren eine siebenjährige und eine zehnjährige Schülerin auf dem Weg zur Schule bestialisch getötet worden. Der durchreisende Tischlergeselle Ludwig Tessnow (geboren 1872, gestorben durch Hinrichtung 1904) geriet in Verdacht, weil man einen Knopf seiner Jacke am Tatort gefunden hatte. Rötliche Flecken an seiner Kleidung erklärte er als Tischlerbeize.

Man musste ihn aus der Haft entlassen, weil der Nachweis von Blutspuren nicht gelang. Erst Jahre später wurde Tessnow erneut verhaftet, als der Staatsanwalt ihm eine Mordserie auf Rügen zur Last legte. In dem Verfahren wurde auch der Lechtinger Kindermord neu aufgerollt. Verbesserte Untersuchungsmethoden erlaubten jetzt den Nachweis seiner Täterschaft auch in Lechtingen. Tessnow wurde zum Tode verurteilt und 1904 im Gerichtsgefängnis Greifswald hingerichtet.

von Joachim Dierks

Quelle: NOZ vom 19.6.2015