Sieben Verschwörer des 20. Juli 1944 werden in Wallenhorst als Namenspatrone geehrt

Widerstand auf Straßenschildern

jod WALLENHORST
Straßenkunde ist nicht nur Heimatkunde. Neben Ortsbezeichnungen, Flurnamen und verdienten Persönlichkeiten aus dem heimatlichen Umfeld haben auch immer schon überregional bedeutende Menschen ihren Weg auf Straßenschilder gefunden. Wobei die Sache bei Politikern, Regenten und Militärs mitunter vertrackt ist. Durch die häufigen Systemwechsel im 20. Jahrhundert musste so mancher Name wieder getilgt werden, der zuvor hoch im Kurs stand.

Als unverdächtig und auf Dauer vorbildhaft gelten hingegen jene Menschen, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben. Sie wurden nach 1950 so häufig wie keine andere Personengruppe als Namenspatrone herangezogen. Auch im Wallenhorster Straßenverzeichnis sind sie mit knapp 30 Namen vertreten. Da sich in wenigen Tagen das missglückte Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 jährt, lohnt es sich, einmal einen Blick auf diejenigen Wallenhorster Straßennamenspatrone zu werfen, die unmittelbar zum Kreis der Verschwörer gehörten. Es sind insgesamt sieben.

Die Stauffenbergstraße liegt im Nordwesten von Hollage. Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte als Mitglied des Generalstabs direkten Zugang zu Hitler. Er übernahm die Aufgabe, eine Aktentasche mit Sprengsätzen unter dem Kartentisch in der Besprechungsbaracke des Führerhauptquartiers Rastenburg abzustellen. Die Sprengwirkung reichte nicht aus, Hitler überlebte mit leichten Verletzungen. Stauffenberg wurde verhaftet und am 21. Juli 1944 standrechtlich erschossen.

Die Alfred-Delp-Straße liegt im Hollager Baugebiet zwischen Josefskirche und Ziegelei. Der Jesuitenpater, Delp stieß 1942 zum „Kreisauer Kreis” um Helmuth James Graf von Moltke, wo er am Modell für eine neue Gesellschaftsordnung nach dem Nationalsozialismus mitarbeitete. Acht Tage nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat wurde er verhaftet. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn wegen Hoch- und Landesverrats zum Tod durch den Strang, der am 2. Februar 1945 vollstreckt wurde.

Im neuen Hollager Baugebiet Wellmanns Hügel ist in Nachbarschaft weiterer Nazigegner auch Nikolaus Groß auf einem Straßenschild verewigt. Der christliche Gewerkschafter gehörte zusammen mit Jakob Kaiser und Bernhard  Letterhaus zum „Kölner Kreis”, der in Abstimmung mit dem „Berliner Kreis” um Carl Friedrich Goerdeler Pläne für ein neues Deutschland nach Hitlers Tod schmiedete. Am 12. August 1944 wurde Groß in Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli verhaftet, obwohl er nicht direkt daran beteiligt war, später zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 hingerichtet.

Nah beim Wallenhorster Schulzentrum ist die Letterhausstraße gelegen. Bernhard Letterhaus gehörte als christlicher Gewerkschaftsführer und Zentrums-Politiker zum „Kölner Kreis” in der KAB-Zentrale. Ab 1942 als Hauptmann in der Presseabteilung beim Oberkommando der Wehrmacht tätig, knüpfte er Kontakte zu den Verschwörern um Ludwig Beck und Carl Goerdeler und beriet mit ihnen die Neuordnung Deutschlands. Er wurde am 25. Juli 1944 verhaftet, später zum Tode verurteilt und am 14. November 1944 erhängt.

In Lechtingen nördlich des Hubertusrings trifft man auf die Julius-Leber-Straße und die Wilhelm-Leuschner-Straße. Leber war Doktor der Volkswirtschaft, Journalist und SPD-Abgeordneter. Im Untergrund knüpfte er Kontakte zu Stauffenberg, Goerdeler und zum „Kreisauer Kreis”. Nach dem Scheitern des Attentats wurde auch er zum Tod verurteilt. Wilhelm Leuschner war Gewerkschafter und SPD-Politiker. Bei ihm liefen die Fäden der in die Illegalität gedrängten Gewerkschaftsbewegung zusammen, die ihn auch mit der Widerstandsgruppe um Goerdeler zusammenbrachte. Nach dem Juli verhaftete die Gestapo Leuschners Frau als Geisel. Um sie zu retten, stellte er sich der Polizei. Am 29. September 1944 wurde er hingerichtet.

In Rulle ist Jakob Kaiser als einer der ganz wenigen Verschwörer des 20. Juli, die das Regime überlebt haben, verewigt. Er war Gewerkschafter und Mitglied im „Kölner Kreis”. Der Verhaftungswelle nach dem 20. Juli 1944 konnte er durch Flucht entgehen und sich in einem Kellerversteck verbergen. Nach dem Krieg gehörte Kaiser zu den Gründern der Ost-CDU. Später machte er auch in der westdeutschen CDU Karriere. Er starb am 7. Mai 1961.

von Joachim Dierks

Quelle: NOZ vom 17.7.2015