„Vor dem Bruch“ und „Zum Bruch“ deuten auf ein Gebiet mit Staunässe hin

Hobbyfotograf Kaplan Erich Raudisch hielt das landwirtschaftliche Leben in Rulle vor mehr als 70 Jahren fest.

Im feuchten Norden von Rulle

Wallenhorst
Der oder das Bruch, mit gedehntem „u“ gesprochen, hat nichts mit Mathematik, nichts mit Einbruch-Diebstahl und auch nichts mit Sturzfolgen zu tun, sondern bezeichnet ein sumpfiges, staunasses Gebiet. Zur Unterscheidung vom Moor trocknet es gelegentlich aus, sodass organisches Material vollständig zu Humus abgebaut werden kann, während im Moor die ständige Wassersättigung den Abbau verhindert und zum Entstehen von Torf führt. Niederdeutsche Abwandlungen des Bruchs sind Brook, -broich und Brock, die in zahllosen Ortsnamen vorkommen.

Das Ruller Bruch wird im Sprachgebrauch der Alteingesessenen nicht als ein genau abzugrenzendes Feuchtgebiet verstanden, sondern der gesamte Ruller Nordosten bis zum Hang des Wiehengebirges hört auf diesen Namen. Die Straße „Vor dem Bruch“ durchzieht das Gebiet von West nach Ost, die Straße „Zum Bruch“ von Nord nach Süd, und mittendrin schlängelt sich der „Bruchbach“, von Icker kommend, zur Ruller Flut. Bereits im Kartenwerk von Du Plat, das vor rund 230 Jahren aufgenommen wurde, ist von „Bruch Wiesen“ die Rede.

Die Ruller Nachkriegsgeschichte war von einem starken Zustrom Heimatvertriebener aus den Ostgebieten gekennzeichnet, und zwar in einem Ausmaß, das die aktuellen Sorgen um steigende Asylantenzahlen als lächerlich erscheinen lässt. 1949 zählte Rulle 2000 Einheimische und 700 Flüchtlinge. Auf die heutige Großgemeinde Wallenhorst umgerechnet wäre das so, als wenn jetzt 8500 Neuankömmlinge aufzunehmen wären. Jedenfalls hatte Rulle große Mühe, 700 Neubürger zu ernähren und ihnen ein Dach über dem Kopf zu bieten. Jeder noch so mickerige Wohnraum wurde für Einquartierungen genutzt. Selbst der Stall der Ziegenbockstation der Gemeinde wurde zu Wohnraum umgebaut. Katastrophal waren die Verhältnisse „Vor dem Bruch“, wo in ehemaligen Wehrmachtsbaracken sieben Flüchtlingsfamilien mit insgesamt 48 Personen hausten. Es regnete durch, die Betten waren mehrfach belegt, Kälte und Zugluft machten den Menschen zu schaffen, die hygienischen Verhältnisse waren schlimm. In dieser Situation schritt die Gemeinde zur Tat und errichtete 1949 etwas weiter westlich, an der Straße „Auf der Heide“, zwei Doppelhäuser und bereitete damit dem Barackenelend ein Ende.

Die Bilder dieses Berichts zeigen das Ruller Bruch acht Jahre davor, als der Krieg noch kaum in Wallenhorst angekommen war. Kaplan Erich Raudisch war ein begnadeter Hobbyfotograf. Bei seinen Hausbesuchen gelang es ihm, die unberührte ländliche Idylle des Ruller Nordens einzufangen. Es ist das Verdienst des Ruller Bürgers Ludger Meyer, Raudischs fotografischen Nachlass gesichert und rund 50 000 Negative durchgesehen zu haben. Auf 5000 von ihnen erkannte er Ruller Motive und übergab sie der ehrenamtlichen Archivgruppe für Heimatgeschichte. Die acht Herren scannten davon wiederum die 1600 aussagekräftigsten ein. Von ihnen stammt die Auswahl der hier gezeigten Bilder.

von Joachim Dierks

Quelle: NOZ vom 19.12.2014