„Wenn der Bauer pfeift;..”

Buch beleuchtet die spannungsreiche Geschichte des Heuerlingswesens

WALLENHORST
Die klassenlose Gesellschaft war auf dem Lande keinesfalls verwirklicht. Über viele Jahrhunderte wurde säuberlich zwischen Vollerben, Halberben, Erbköttern und Markköttern unterschieden. Sie verfügten, in absteigendem Maße, über eigenes Land und Weiderechte an dem genossenschaftlich genutzten Land, der gemeinen Mark. Noch darunter waren die Heuerlinge angesiedelt.

Heuerlinge waren besitzlos. Sie heuerten bei einem Bauern an und bekamen Unterkunft, entweder auf dem Hof des Bauern oder in einem einfachen Heuerhaus, das der Bauer zu diesem Zweck unweit des Hofes auf seinem Land errichtet hatte. Im Gegenzug musste der Heuerling einen Großteil seiner Arbeitszeit dem Bauern unentgeltlich zur Verfügung stellen. Anders als Knechte, die vollständig von ihrem Bauern abhängig waren und nichts auf eigene Rechnung unternahmen, pachtete der Heuermann einen kleinen Streifen Land von seinem Bauern und bearbeitete ihn in der ihm verbleibenden „privaten” Zeit.

Im Jahre 1852 zählte man im Kirchspiel Wallenhorst 79 Bauern und 141 Heuerleute. Die Bauern hatten im Schnitt 16 Hektar Acker-, Garten- und Wiesenflächen, die Heuerlinge 2 Hektar. Das typische Heuerhaus war ein verkleinertes Abbild des Bauernhauses, allerdings ohne Pferdestall oder Kammern für Knechte und Mägde. Auf beiden Seiten der Diele befanden sich die Ställe für das Vieh. Die Wohnküche am Ende der Diele war nur deshalb nicht durch eine Wand abgetrennt, weil die Bewohner in den kalten Wintermonaten auf die abstrahlende Körperwärme der Tiere angewiesen waren. Der Effekt war jedoch begrenzt: Durch Abwärme und Feuerung ließ sich die Raumtemperatur nur um vier bis sechs Grad gegenüber der Außentemperatur anheben. Das bedeutete, dass bei minus zehn Grad draußen es drinnen nicht wärmer als minus vier Grad wurde.

Lediglich die Strahlungswärme des offenen Feuers erzeugte in unmittelbarer Nähe angenehmere Temperaturen. Daher brannte das offene Feuer in der kalten Jahreszeit den ganzen Tag über. Weil der Rauch der Feuerstelle durch das gesamte Gebäude zog, werden Wohnstätten dieser Bauart als Rauchhäuser bezeichnet. Vater und Mutter saßen in der Regel an der Kaminwand und hatten es dadurch auch im Rücken warm. Alle anderen Bewohner waren krassen Temperaturunterschieden ausgesetzt. An frostigen Winterabenden verzog sich die Hausgesellschaft möglichst schnell in die Betten. Die waren allerdings durch die Kälte klamm und gefroren. Als Wärmequelle nahm man einen heißen Stein mit ins Bett. Meistens wurde mit mehreren Personen unmittelbar nebeneinander geschlafen, damit man sich gegenseitig wärmte und nicht erfror. Die hohe Kindersterblichkeit in den Heuerlingsfamilien hatte nicht zuletzt in diesen primitiven Wohn- und Schlafverhältnissen ihre Ursache.

In einen größeren Rahmen eingebettet ist die Geschichte des Heuerlingswesens in dem Buch „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!” Dorfschullehrer Bernd Robben aus Emsbüren-Gleesen und der aus Wietmarschen stammende Historiker Helmut Lensing haben sich zusammengetan und auf 288 Seiten eine umfassende Abhandlung des Heuerlingswesens in Nordwestdeutschland verfasst. 21 Kapitel stellen nicht nur die Geschichte dieser unterbäuerlichen Schicht von den Ursprüngen im ausgehenden 16. Jahrhundert bis zu ihrem Verschwinden in den 1950er-Jahren dar, sie gehen auch auf so unterschiedliche Aspekte ein wie Wohn- und Arbeitsbedingungen, Leistungen in Landesausbau und -kultivierung, Nebenerwerb Flachsanbau und Leinenherstellung, Hollandgängerei und Aüswanderungswellen, Volksmedizin, Schulbildung und das oftmals spannungsreiche Verhältnis zu den Bauern. Über fast 400 Jahre prägte das Heuerlingswesens die ländliche Gesellschaft und war ein elementarer Bestandteil der norddeutschen Agrarverfassung. Die landlosen Heuerleute und ihre Familien bildeten in vielen Regionen die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung.

Ein großer Vorzug des reich bebilderten Werkes ist, dass es nicht nur Fakten aufzählt, sondern auch viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Es eignet sich gut zum Schmökern und ist dabei äußerst lehrreich. Detaillierte Personen- und Ortsregister helfen, schnell Angaben zum eigenen Wohnort zu finden.

Nach Einschätzung des früheren emsländischen Landrats Hermann Bröring rüttelt das „historische Lesebuch” an Tabus, denn zuvor zeigten weder die Bauern noch die Nachkommen der Heuerlinge großes Interesse an einer historischen Aufarbeitung der Verhältnisse, die auch mit Zwang und Erniedrigung zu tun hatten. Autor Robben schildert im Nachwort denn auch die Probleme, die er vielfach erst überwinden musste: „Die Leute wollten einfach keinen Streit im Dorf.”

Von Joachim Dierks

Quelle: NOZ vom 23.3.2015