Stichkanal Osnabrück

Der gesamte Schleusenbereich ist kameraüberwacht. Foto: David Ebener

Schiffe werden in Hollage noch persönlich geschleust

Wallenhorst. Schleusenwärter zu sein bedeutet mehr, als auf ein Knöpfchen zu drücken, wenn alle paar Stunden mal ein Schiff vorbeikommt. Das muss Sven Tüting oft genug erklären. Er ist einer der Schichtleiter an der Hollager Schleuse im Stichkanal, der den Mittellandkanal ab Pente mit dem Osnabrücker Hafen verbindet. Viele seiner Zunft gibt es nicht mehr.
An diesem Morgen um 9.25 Uhr ist es das Motorschiff „Alfa“, beladen mit 520 Tonnen Sand und Kies, das Sven Tüting zu Berg schleust. „Einer unserer Stammkunden“, kommentiert der gelernte Wasserbauer. 4,75 Meter muss das Schiff hochgehievt werden; an der Haster Schleuse folgt später das gleiche Prozedere: noch einmal 4,75 Meter. Erst dann ist der Höhenunterschied von 9,5 Metern zwischen dem Mittellandkanal und dem Osnabrücker Hafen überwunden. Daher auch die Begriffe: Schiffe fahren im Stichkanal meist voll beladen „zu Berg“ zum Hafen und wieder leer „zu Tal“ zurück zum Mittellandkanal, von wo aus sie alle anderen Wasserstraßen ansteuern können.

4300 Kubikmeter Wasser


Die Alfa ist bereits in die Schleuse eingefahren. Das Stemmtor schließt sich ratternd – und dann steigt das Schiff, Zentimeter für Zentimeter. All das spielt sich in Tütings Rücken ab. Zwar könnte er auch durch die Fensterscheiben schauen, doch den besten Überblick bieten ihm die Bildschirme an der Wand gegenüber. Hinter ihm zieht der Matrose an Deck des Schiffs ein letztes Mal an seiner Zigarette, bevor er die Alfa vorne mit einem Tau erst am unteren und dann am nächsthöheren Nischen-Poller festmacht. Je höher das Schiff steigt, desto höher muss er das Tau legen. 4300 Kubikmeter Wasser sind schließlich in der Schleuse. All das läuft voll automatisch.

85 Meter lange Schiffe mit Sondergenehmigung

Auf beiden Seiten der Alfa ist noch großer Abstand zu den Schleusentoren, sie misst gerade einmal 57 Meter. Tüting zeigt auf den zweiten Bildschirm von rechts: „Alles zwischen den gelben Markierungen ist unkompliziert“, sagt er. Sie kennzeichnen einen Raum von 82 Metern Länge. Mit Sondergenehmigung werden aber auch Schiffe bis zu 85 Metern durchgeschleust – und dann wird es eng. Im Morgengrauen desselben Tages war das der Fall. Da musste Tüting den Tanker „Liberty“ durch die Hollager Schleuse bugsieren, 1600 Tonnen schwer, beladen mit Gefahrgut. Da hilft auch die Automatik nicht mehr viel, er muss das Schiff manuell dirigieren. „Ich habe die Verantwortung für die gesamte Anlage, für das Schiff und die Besatzung“, sagt Tüting.

20 Minuten für einen Schleusenvorgang

Mit seinem Kollegen in Haste hat Tüting schon telefoniert, er erwartet die Alfa. Nach rund 20 Minuten ist in Hollage alles vorbei und das Schiff verschwindet mit zwölf Stundenkilometern aus dem Blickfeld. Ruhe kehrt ein im Steuerstand. Durch die geöffneten Fenster dringt nur noch das Zwitschern der Vögel, die Pumpen sind aus. Bis feststeht, von welcher Seite das nächste Schiff kommt, lässt Tüting das Wasser in der Kammer, um nicht unnötig Energie zu verbrauchen. Dann heißt es Warten. Was hat Tüting zu dem Job gebracht? „Einen Hang zum Wasser haben eigentlich alle“, sagt er. Bei einigen seiner Kollegen haben die Großväter noch den Kanal mitgebaut.

Große Verantwortung

Doch auch wenn manchmal stundenlang kein Schiff kommt, muss er konzentriert bleiben. „Der Stichkanal ist im Prinzip eine Einbahnstraße“, sagt er. Gegenverkehr ist fast nicht möglich. Meldet sich ein Schiff bei der Einfahrt in den Stichkanal an, achtet Tüting darauf, dass ihm keines entgegenkommt, dann schaltet er die Ampel auf Grün und gibt dem Schiff über Funk das Startsignal. Den Namen der Schiffe, die Zeitpunkte der Anmeldung und Ankunft, ihre Maße, die Tonnage und den Tiefgang notiert er fein säuberlich im Schleusentagebuch. An einem typischen Montag werden in Hollage neun bis 13 Schiffe geschleust.

Lebensgefahr für Schwimmer

Und dann wären da noch die Schwimmer. Auch an diesem Morgen lässt sich eine Gruppe in Neoprenanzügen ins Wasser und schwimmt zu Tal. „Die Triathlon-Staffel“, kommentiert Tüting. „Die trainieren hier jeden Morgen.“ Ihr Abstand zur Schleuse ist in Ordnung. Brenzlig wird es, wenn Badegäste an heißen Sommertagen den kleinen Bootsanleger in direkter Schleusennähe nutzen, um ins Wasser zu gelangen. Das ist nicht nur verboten, sondern lebensgefährlich. Übersieht der Schleusenwärter sie und öffnet das Schleusentor, entwickelt sich eine gewaltige Sogwirkung. Per Lautsprecher fordert er sie auf, das Wasser zu verlassen. Hören sie nicht, fackelt Tüting nicht lange und ruft die Wasserschutzpolizei.

Hollager Schleuse noch mit Personal

„Schichtleiter“ ist Tüting – das klingt weit weniger romantisch als der alte Begriff „Schleusenwärter“, ist aber die offizielle Berufsbezeichnung. Viele Schleusen in Deutschland sind mittlerweile nicht mehr besetzt und werden von Zentralen aus betrieben. Die baugleichen Schleusen in Hollage und Haste sind dafür noch nicht ausgerichtet. „Alte Dame“ nennt Tüting seinen Arbeitsplatz. Gebaut wurden die Schleusen in den Jahren 1913 und 1915, sie sind genauso alt wie der 14,5 Kilometer lange Kanal selbst. Zuletzt erneuert wurde die Elektrotechnik – doch das ist auch schon 20 Jahre her. Der Stichkanal wurde in den 80er-Jahren und zwischen 2005 und 2009 ausgebaut, doch ein Neubau der Schleusen, damit auch Großmotorgüterschiffe mit 110 Metern Länge durchfahren können, liegt seit Jahren auf Eis. Sollte er irgendwann doch geschehen, dürfte damit auch eine Automatisierung einhergehen. Die Schichtleiter würden die Schleusen dann von der Zentrale in Minden aus überwachen und steuern.

Personalmangel: Eingeschränkte Öffnungszeiten

Von 6 bis 21 Uhr ist die Schleuse in Hollage unter der Woche derzeit besetzt, die in Haste momentan nur bis 15 Uhr. Bis dahin muss die Alfa entladen sein, um noch am selben Tag den Rückweg Richtung Weser zu schaffen. „Wir haben zurzeit einen personellen Engpass“, erläutert Karsten Jäger, Leiter des Außenbezirks Bramsche des Wasser- und Schifffahrtsamts Minden. Seit dem ersten Juli sind die Schleusenzeiten reduziert. Viele Schichtleiter seien kürzlich in den Ruhestand gegangen, die Nachbesetzung sei in Arbeit.

Wie eine große Wanne

Wer am Ufer des Stichkanals den Eindruck hat, das Wasser fließe in eine bestimmte Richtung, irrt. Im Prinzip ist der Kanal so etwas wie eine große Wanne, in dem sich immer dieselbe Menge Wasser befindet. Der Schleusenwärter muss stets darauf achten, dass die Wasserhöhe gleich bleibt, sonst wird es für Schiffe unter den Brücken zu eng. 50,30 Meter über Normal-Null sind es auf der Penter Seite, 55,05 Meter auf der Seite zwischen Hollager und Haster Schleuse, 59,8 Meter im Hafen. Der Schleusenvorgang macht sich deutlich bemerkbar, erläutert Jäger. „Wenn ich ein Schiff von Pente nach Haste schleuse, sinkt der Wasserstand zwischen Hollage und Haste um drei Zentimeter.“

Dauer-Schleusen bei Hochwasser

Der Stichkanal hat keine natürlichen Zu- und Abflüsse. Als es vor zweieinhalb Wochen heftig geregnet hatte, erhielt Jäger am Abend von der Revier- und Betriebszentrale in Minden einen Anruf: Der Wasserstand war 23 Zentimeter zu hoch. Einer von Tütings Kollegen hat dann über mehrere Stunden ohne Schiffe zu Tal geschleust. Das Wasser landet im Mittellandkanal, wo es sich verteilt. Tüting erinnert sich noch gut an die Flutkatastrophe in und um Osnabrück vor fünf Jahren . „Da haben wir geschleust, geschleust, geschleust – von 16.30 Uhr bis Mitternacht.“

NOZ v. 05.09.2015  Sandra Dorn