Die längste künstliche Wasserstraße Deutschlands

Vortrag über den Mittellandkanal im Heimathaus Hollager Hof

jod  WALLENHORST
Der Mittellandkanal ist 325 Kilometer lang, zwischen 42 und 55 Meter breit und geht meistens geradeaus. Also ein ziemlich trockenes Thema? Nein. Erstens ist eine Wasserstraße nicht trocken. Und zweitens ist sie es schon mal gar nicht, wenn ein Kenner der Materie wie Bernd Ellerbrock anschaulich und kurzweilig darüber spricht.

Das Publikum im Heimathaus Hollager Hof erfuhr in zwei Stunden sehr viel über die Planungsgeschichte, den Bau und die technischen Schmankerln wie Schleusen, Schiffshebewerke und Trogbrücken über zu überquerende Flüsse. Dabei ist Ellerbrocks Zugang zum Kanal kein technisch-wissenschaftlicher. Er nähert sich ihm so wie jeder andere auch über das, was er sieht. Als (Fast-)Anlieger des Kanals in Seelze bei Hannover war er von Kindesbeinen an fasziniert und hat ihn durch die Jahrzehnte und zu allen Jahreszeiten mit eigenen Augen und durch das Objektiv der Kamera beobachtet.

Drei Jahrzehnte lang hat Eilerbrock beruflich mit dem Kanal nichts zu tun gehabt. Er arbeitete im Finanzministerium in Hannover. Vor vier Jahren schied er dort aus und machte sein Hobby zum neuen Beruf. Er fuhr auf Binnenschiffen und auf seegängigen Frachtschiffen mit, er reiste am Wasser entlang, er fotografierte Häfen, Werften und Schiffe, vergaß dabei aber nicht die Schönheiten der Natur. Die Essenz seiner Reisen publiziert er in Büchern, Aufsätzen und Bildkalendern.

Er hatte nun auch die Zeit, sich dem heimatlichen Gewässer vor seiner Haustür eingehend zu widmen. Er recherchierte in Archiven und Museen zwischen Dortmund und Magdeburg, befragte Hafenanlieger und Schifffahrtsämter, suchte Heimatvereine und private Sammler längs des Kanals auf. Herausgekommen ist als sein neuestes Werk das Buch „Der Mittellandkanal”, das mit informativem Text und einer Fülle historischer und aktueller Aufnahmen aufwartet. Dabei liefert Ellerbrock keinen chronologischen Abriss, sondern handelt alphabetisch gegliedert 81 Themen von A bis Z ab, von A wie Arbeitsschiffe bis Z wie Zwangsarbeiter.

Für den Vortrag im Heimathaus wählte Ellerbrock eine andere Gliederung. Er arbeitete sich von West nach Ost vor, so wie der Kanal auch zwischen 1905 und 1938 durch die Norddeutsche Tiefebene gebuddelt wurde. Großen Respekt zollte er den preußischen Wasserbauingenieuren, die es verstanden hätten, zwischen all den widerstreitenden Interessen eine ideale Linie zu bestimmen, die es er möglichte, über 212 Kilometer ohne eine Schleuse auszukommen, nämlich von Münster am Dortmund-Ems-Kanal bis Hannover-Anderten. Gerade für Schleppzüge, die mit drei bis sechs Anhängen unterwegs waren, bedeutete jede Schleusung ein zeitaufwendiges Manöver, da abgehängt werden musste. Bis 1967 herrschte ein staatliches Schleppmonopol,  wodurch der Staat Einfluss auf die Frachtraten nehmen  und Wettbewerbsverzerrungen zulasten der staatlichen Eisenbahn verhindern konnte.

Viele kurzweilige Aspekte förderte der Referent zutage, etwa die Tatsache, dass es der Vater des Modezaren Karl Lagerfeld war, dem die Glücksklee-Werke am Kanal in Bad Essen gehörten und der zeitweise eigene Schiffe fahren ließ. Oder die Kanalstrecke auf dem Gebiet des Fürstentums Schaumburg-Lippe: Hier gibt es keinen Hafen und keine Anlegemöglichkeit, weil der jagdbegeisterte Fürst befürchtete, damit die Wilderei zu befördern.

Quelle: NOZ vom 20.1.2017