Tellerminen gegen Tomatendiebe

Vortragsabend Auslandseinsätze unter deutscher Polizeibeteiligung  Markus Weiß im Hollager Hof (Foto:Dierks) Wallenhorster Polizist Markus Weiß berichtet von Auslands-einsätzen Wallenhorst. „Es scheppert da halt öfter.“ Mit leichtem Understatement umschreibt der Wallenhorster Oberkommissar Markus Weiß die Einsatzbedingungen, wenn er als Polizist im Auslandseinsatz in die Krisengebiete der Welt geschickt wird. Da fliegen dann auf einer Demo nicht etwa Steine, sondern es geht gleich mit Handgranaten zur Sache. Im Heimathaus Hollager Hof gab der 46-jährige verheiratete Beamte und Vater zweier Kinder Auskunft, was ihn dennoch immer wieder bewegt, sich für freiwillige Auslandseinsätze zu melden. Es ist eine Mischung aus Idealismus und Fernweh. Um mit dem Idealismus zu beginnen: „Ich stehe voll dahinter, dass Deutschland weltpolitische Verantwortung übernimmt. Und zwar nicht nur mit dem Scheckbuch wie früher, sondern mit Soldaten und Polizisten, je nach Auftrag.“ Der Standard der deutschen Polizeiausbildung sei weltweit anerkannt, außerdem sei Deutschland ein wohlhabendes Land und könne sich den finanziellen Aufwand leisten. „Wer, wenn nicht wir, soll’s denn machen?“, fragt er, wenn es darum geht, in den zumeist von Bürgerkriegen ins Chaos gestürzten Ländern wieder eine ordnende Polizeigewalt aufzubauen und landeseigene Polizisten auszubilden. Genau wie bei Militäreinsätzen werden deutsche Polizisten nur aufgrund eines völkerrechtlich abgesicherten Mandats entsandt, meistens im Auftrag der UNO oder der EU. Dabei sei die Internationalität der Polizeitruppe ganz wichtig für die Akzeptanz in der Bevölkerung, weil dadurch einseitige Feindbilder vermieden würden. Bis zu 40 verschiedene Nationen waren an den Missionen in Bosnien und im Kosovo beteiligt, die Weiß miterlebt hat. Ein Zuhörer fragt, weshalb denn überhaupt Polizei dorthin geschickt werde, könnten das alles denn nicht auch die Soldaten erledigen? Nein, die Aufträge seien sehr klar voneinander abgegrenzt, antwortet Weiß. Wenn die Soldaten die Konfliktparteien getrennt und zur Aufgabe der Kampfhandlungen gebracht hätten, sei ja noch längst nicht der innere Frieden wiederhergestellt. Das dauere, wie im ehemaligen Jugoslawien, wahrscheinlich noch Generationen. Wenn Kampftruppen das Land verlassen hätten, versuchten Kriminelle, in das Machtvakuum hineinzustoßen. Dann komme es darauf an, ganz schnell eine funktionsfähige Polizei aufzubauen. Weiß verdeutlicht auch, dass deutsche Polizeieinsätze im Ausland nicht nur aus Nächstenliebe unternommen werden, sondern in Deutschlands ureigenem Sicherheitsinteresse liegen. Organisierte Drogenkriminalität etwa lasse sich effektiver in den Anbau- und Transitländern bekämpfen als in Deutschland. „Ich bin in meinem Leben immer schon gern und viel gereist, ich liebe die Herausforderung, mit ganz neuen Lebensumständen und Aufgaben fertig werden zu müssen“, beschreibt Weiß die andere Seite seiner Motivation, in die nicht ganz ungefährlichen Missionen zu gehen. Schutzwesten der Klasse II gegen langläufige Waffen, die hierzulande nur von Sondereinsatzkommandos etwa bei Geiselbefreiungen getragen werden, gehörten im Kosovo zum alltäglichen Ausgehanzug. „18 Kilo Eigengewicht – ich sage mal, der Tragekomfort ist nicht so doll“, merkt Weiß lapidar an. Aber das sei noch nichts gegen die Minenschutzanzüge. Landminen seien ein Riesenproblem. Besonders deshalb, weil ihre Verlegung von den Kriegsparteien nicht kartiert wurde, wie es das Völkerrecht vorschreibt. Immer wieder würden Kinder beim Spielen von hochgehenden Minen zerfetzt. Der Umgang mit Schusswaffen und Sprengmitteln sei für unser Denken völlig unbegreiflich, so Weiß. Er habe einen Bauern erlebt, der Minen an den Rand seines Tomatenfeldes gelegt habe, damit ihm keiner seine Tomaten klaue. Wenn scharfe Schüsse fielen, konnten es Freudenschüsse wegen der Geburt eines Kindes sein. Oder aber ein krimineller Überfall. (NOZ, 25.01.2013)