Zwangsarbeit und verbotene Menschlichkeit

– Ein Abend der Erinnerung im Heimathaus Hollage-

Das Heimathaus Hollage war voll, vielleicht ein wenig zu voll für die nahende Coronakrise, als  am 12. März dort der ukrainische Journalist Viktor Pedak aus seinen Büchern vorlas.  Es war aber auch ein außergewöhnliches Thema, dass der Gast aus der Ukraine den Zuhörern präsentierte. Der inzwischen hochbetagte Viktor Pedak hatte es sich 1991 nach Öffnung des Eisernen Vorhangs in Europa zum Ziel gesetzt, die Geschichte der Zwangsarbeiter im 2. Weltkrieg aufzuarbeiten. Eine solche Aufarbeitung hätte bei der Grausamkeit, mit der in Deutschland viele Zwangsarbeiter aus Rußland, Weißrußland, der Ukraine und Polen behandelt wurden, zu einer nicht unberechtigten Anklage gegen „die Deutschen“ werden können. Viktor Pedak hatte aber die Absicht, nicht nur die unmenschliche Seite zu zeigen, sondern  „Zeugnisse der Menschlichkeit mitten im Krieg“ zusammenzutragen. Er wollte die Menschlichkeit in der deutschen Bevölkerung nicht in Vergessenheit geraten lassen. In seiner Heimat hatten damals viele dafür kein Verständnis.

Dabei hätte er Grund gehabt, dieses Thema zu einer einseitigen Anklage zu vereinfachen. Sein Vater war Zwangsarbeiter auf einer Kohlenzeche im Ruhrgebiet gewesen, eine neunjährige Schwester war von einem deutschen Soldaten erschossen worden.

Angefangen hatte es für Viktor Pedak damit, dass er über die Medien Wege suchte, um ehemaligen Zwangsarbeitern bei der Suche nach Nachweisen für die Gewährung von Wiedergutmachungszahlungen zu helfen. Es erreichten ihn dabei auch Zuschriften von ehemaligen Zwangsarbeitern, die darüber berichteten, dass es in der deutschen Bevölkerung Menschen gegeben habe, die ihnen mit viel Hilfsbereitschaft und menschlicher Wärme entgegengekommen seien. Viktor Pedak stellte fest, dass es in der Ukraine Menschen gab,  die den Wunsch hatten, einen persönlichen Kontakt zu ihren früheren Beschützern zu erhalten. Mit Hilfe der Medien in Deutschland und der Ukraine informierte er über dieses Thema und erhielt viele Zuschriften. Damit war der Anfang für seine Aktion gesetzt, zwischen den Betroffenen in beiden Ländern Verbindungen herzustellen.

Viele Briefe, die ihn dabei erreichten, veröffentlichte er in dem im August 2002 erschienen Buch „Ein Teller Suppe für den Feind“. 2005 gab es auch in der Ukraine ein derartiges Buch.

Viktor Pedak in Begleitung seiner Tochter
Lena im Heimathaus Hollager Hof
Foto: Walter Frey

Viktor Pedak war im Laufe der Jahre für Vorlesungen auch in der Region Osnabrück gewesen. Zu Beginn der Lesung im Heimathaus Hollage ging es zunächst um die Frage, ob auch unsere Heimat, d.h. die damaligen Gemeinden nördlich von Osnabrück vom Problem der Zwangsarbeit betroffen waren.

Seit Beginn des 2. Weltkrieges wurden nicht nur Kriegsgefangene unter den Soldaten aus Polen, Frankreich und all den anderen von Deutschland angegriffenen Ländern gemacht. Es wurden auch  in der Zivilbevölkerung Personen  – auch Frauen – gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Dies geschah ab 1941 auch in der Sowjetunion. Für die NS-Führung waren die slawischen Frauen und Männer keine normalen Menschen, sie wurden als „Untermenschen“ gesehen und als Sklaven behandelt.

Vor allem in den 80er und 90er Jahren gab es hierzu  Aufarbeitungen, die belegen, dass in Osnabrück und den umliegenden Orten wie z.B. Pye mehr als 50 kleine und große Lager vorhanden waren, in denen Zwangsarbeiter „gehalten“  wurden. Auch in Hollage, Wallenhorst und Rulle gab es jeweils ein Gefangenenlager für französische Zwangsarbeiter. Zwischen französischen und holländischen Gefangenen und den russischen Gefangenen am Piesberg gab es aber erhebliche Unterschiede bei der Behandlung. Bei Kriegsende waren es insgesamt ca. 2000 russische Gefangene, die im Lager „Piesberg“ unter unmenschlichen Bedingungen „gehalten“ wurden. Das alte Haseschachtgebäude wurde  als Lager genutzt, ebenso ein ehemaliger Pferdestall. Das reichte  allerdings nicht, daher wurde hinter Stacheldrahtzäunen noch ein Barackenlager gebaut.

Heinrich Voßgröne aus der Nassen Heide – damals Maurerlehrling beim Piesberg – hat bei der Aufarbeitung des Geschehens durch mehrere Zeitzeugenberichte wertvolle Hilfe geleistet. So schilderte er, wie Zwangsarbeiter behandelt wurden, wenn sie vor Erschöpfung nicht mehr in der Lage waren, die Schwerstarbeit zum Beladen von Wagen mit Steinen zu leisten. Der Tod durch Erschöpfung war nicht nur eine Folge schwerster Arbeit, er war auch eine Folge brutaler Schikanen durch die Aufseher. Und dann gab es am Piesberg für die Arbeitsverweigerer auch noch den Schießstand, an dem die Aufseher Arbeitsverweigerer hinrichteten. Begraben wurden die Toten zunächst nahe dem Gut Honeburg, später wurden sie auf dem Heger Friedhof umgebettet.

Aber auch in Orten wie Pye, Hollage, Lechtingen und Wallenhorst gab es in der Bevölkerung viel Bereitschaft, den wie Sklaven gehaltenen Gefangenen vom Piesberg zu helfen. Viktor Pedak konnte von einem ihm bekannt gewordenen Fall berichten, bei dem zwei ukrainische junge Mädchen viel Menschlichkeit erfuhren.

Zwangarbeiterin Anna
aus der Ukraine.
Dieses Foto hatte Gertrud Sprehe aufbewahrt. Es führte Katharina
und Getrud wieder zusammen.

Im Frühjahr 1943 wurden aus einem Dorf in der Ukraine per Lkw 15 Mädchen zur nächsten Bahnstation gebracht, darunter auch die 13jährige Katarina und die in etwa gleichaltrige Anna. Sie wurde mit insgesamt 1.800 Menschen in Viehwaggons eingesperrt, Osnabrück war für sie  Endstation.  Die Mädchen wurde in einer Munitionsfabrik in Osnabrück eingesetzt. Katarina erinnerte sich im August 2003, dass sie damals als 13jährige „brav sein mußte, da sie wußte, dass die Zwangsarbeiter für Verweigerung oder Sabotage hingerichtet oder ins KZ geschickt wurden“.

Katarina und Anna durften am arbeitsfreien Sonntag das Lager verlassen. Dabei kamen sie zu Fuß nach Lechtingen und dort zum Hof Sprehe an der Straße „Buchgarten“. Es war für sie ein Glücksfall, denn Maria und Anton Sprehe luden sie ins Haus ein und versorgten sie. Als es dunkel wurde, brachte Bauer Anton Sprehe die Mädchen ins Lager zurück. Das war für den Lechtinger Familienvater mit einem großen Risiko verbunden, denn solch ein Handeln war verboten. Der Kontakt von Anna und Katarina zu den Sprehes in Lechtingen blieb über mehr als ein Jahr erhalten und damit auch eine besondere Freundschaft mit Gertrud Sprehe, der Tochter des hilfsbereiten Ehepaares.

Wiedersehen von Katharina Panchenko
und Gertrud Uphaus 2003 in Wallenhorst.
Foto: Viktor Pedak

Gertrud Sprehe, die später nach der Heirat Gertrud Uphaus hieß, hatte beim Abschied nach dem Ende des Krieges ein kleines Foto von Anna erhalten, dass sie aufbewahrt hatte. Dieses Foto führte dann Katarina aus der Ukraine und Gertrud Uphaus aus Wallenhorst zusammen. Viktor Pedak hatte über seine Verbindung nach Deutschland auch das Foto von Anna erhalten, dass Gertrud Uphaus über viele Jahrzehnte hinweg aufbewahrt hatte. Den Kontakt zu Viktor Pedak  stellte Maria Riepenhoff aus Wallenhorst her.  Katarina ging zur örtlichen Zeitung und berichtete über die Erinnerungen an die Familie Sprehe, es kam zum Kontakt. Im Sommer 2003 besuchte Katarina ihre Freundin Gertrud in Wallenhorst.  Zum Besuch in Wallenhorst gehörte es auch, dass beide auf dem Wallenhorster Friedhof das Grab der Familie Sprehe aufsuchten.

Die Erinnerungen der ehemaligen Zwangsarbeiterin Katarina, aufgeschrieben 2003 vom Journalisten Viktor Pedak, enden mit den Sätzen: „So standen sie zusammen, eine ukrainische Frau Katarina Panchenko und eine deutsche Frau Gertrud Uphaus, am Grab zweier einfacher und mutiger Menschen und weinten. Die deutsche Frau gedachte ihrer Eltern, die ukrainische Frau ihrer Retter.“

Viktor Pedak konnte für seine Bücher nur eine  kleine Auswahl der Geschichten veröffentlichen, von denen er so erfuhr. Im deutschen Buch ist die Geschichte von Anna, Katharina und Familie Sprehe aus Lechtingen nicht veröffentlicht, dafür steht sie jedoch mit einem Bild vom Wiedersehen von Katarina Panchenko und Gertrud Uphaus in dem Buch, dass in der Ukraine erschien.

                                                                                  Franz-Joseph Hawighorst

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.